Behandlung von Harnwegsinfekten: Nicht nur an die Bekämpfung der Erreger denken!

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In den allermeisten Fällen ist der Erreger Escherichia coli, der aus der Darmflora in die Harnwege gelangen kann, Auslöser einer Blasenentzündung (Zystitis). Wesentlich seltener verursachen Bakterien wie Staphylococcus saprophyticus oder Klebsiellen Blasenentzündungen. Haben sich diese Erreger erst mal in den Schleimhäuten der ableitenden Harnwege – dazu zählen Harnleiter, Harnblase und Harnröhre – eingenistet, wird eine komplexe Entzündungsreaktion in Gang gesetzt.

Dieser Entzündungsprozess ist in erster Linie für die schmerzhaften Beschwerden bei Infektionen der Harnwege verantwortlich. Die Entzündungsreaktion ist jedoch ein wichtiger Bestandteil der angeborenen Immunität, also dem Abwehrmechanismus gegenüber Mikroorganismen, welche die Bekämpfung der Infektion zum Ziel hat. Allgemeine charakteristische Anzeichen eines Entzündungsprozesses können zum Beispiel Hitze, Schmerzen sowie Funktionsverlust des befallenen Gewebes bzw. Organs sein.

Bei Blasenentzündungen läuft der Entzündungsprozess vereinfacht beschrieben wie folgt ab: Die Harnwegsinfekte auslösenden Erreger haften mittels spezieller Proteine, die sich an der Oberfläche der Bakterien befinden, an die äußersten Zellen der ableitenden Harnwege an. Nun können die Krankheitserreger in die Zellen, welche die Innenwand von Gefäßen auskleiden, eindringen. In den ableitenden Harnwegen kommt es nun zu umfangreichen Entzündungsreaktionen: Weiße Blutzellen (Leukozyten), die eine wichtige Rolle bei der Abwehr von Krankheitserregern spielen, dringen in das Gewebe ein und bestimmte, im Blut nachweisbare Entzündungsmediatoren, die dem Arzt Auskunft über akute Entzündungen geben, steigen rapide an. Bei Betroffenen machen sich nun schmerzhafte Beschwerden bemerkbar, da die Schleimhäute, welche Blase, Harnleiter und Harnröhre auskleiden, durch die Entzündungsreaktion stark anschwellen. Von den Bakterien befallene Zellen sterben ab und werden über den Urin ausgespült, wodurch die Ausscheidung von E. coli und möglichen anderen Erregern im Urin über mehrere Tage sehr hoch ist (Bakteriurie). Ein Nachweis der Bakterien im Urin kann einfach mittels Teststäbchen – vergleichbar wie ein Schwangerschaftstest – innerhalb von fünf Minuten erfolgen.

Welchen Stellenwert hat die Entzündung bei der Behandlung von Harnwegsinfekten?

Mit dem Wissen der Wirkung von chemisch-synthetischen Antibiotika – also der Bakterien-abtötenden bzw. –wachstumshemmenden Wirkung- fragen viele Apothekenkunden nach weiteren Möglichkeiten einen Harnwegsinfekt zu bekämpfen. Die Eliminierung der eingedrungenen Bakterien ist sicher eine wichtige Säule bei der Behandlung von Blasenentzündungen. Jedoch gibt es inzwischen auch zunehmend Erkenntnisse darüber, dass Patienten von Behandlungsansätzen profitieren, die nicht nur eine keimabtötende oder -hemmende Wirkung haben, sondern darüber hinaus auch positiven Einfluss auf die Beschwerden verursachende Entzündungsreaktion nehmen, indem Signalwege des Entzündungsprozesses blockiert werden.1

Behandlung der Blasenentzündung an verschiedenen Stellen des Krankheitsgeschehens ansetzen

Chemisch-synthetische Antibiotika sollten wegen des Resistenzproblems und möglicher Nebenwirkungen bei Harnwegsinfekten nur bei schwerwiegenden Verläufen sowie bei bestimmten Risikogruppen eingesetzt werden. Bei unkompliziert verlaufenden Infektionen der Harnwege sind daher pflanzliche Wirkstoffe eine wirksame und effektive Behandlungsoption. Bei pflanzlichen Alternativen können zudem Wirkstoffe eingesetzt werden, die sowohl die krankheitsauslösenden Bakterien bekämpfen, als auch einen positiven Einfluss auf den Entzündungsprozess nehmen. Einen solchen Behandlungsansatz bieten beispielsweise die Senföle, die unter anderem in Meerrettich, Senf oder Brokkoli enthalten sind: Mehrere Studien deutscher und internationaler Universitäten belegen, dass die scharfen Pflanzenstoffe über ein ausgeprägtes antientzündliches und antibakterielles Potenzial verfügen.2-7  Dass zum Beispiel im Meerrettich neben den Senfölen noch weitere entzündungshemmende Wirkstoffe enthalten sind, konnte zudem in einer aktuellen Studie der Universität Freiburg nachgewiesen werden.7 Dieses Untersuchungsergebnis unterstreicht die vielfältige Wirkweise der in dieser traditionellen Heilpflanze enthaltenen Substanzen, die teilweise noch nicht aufgeklärt wurde, und die es daher noch genauer zu erforschen gilt.

Übrigens: Von unkomplizierten Harnwegsinfekten ist die Rede, wenn die Beschwerden auf den unteren Harntrakt – also auf Harnblase und Harnröhre – beschränkt bleiben, d.h. die Entzündung darf noch nicht die Nieren erfasst haben. Das ist daran zu erkennen, dass der Patient ausschließlich unter Schmerzen beim Wasser lassen leidet (Dysurie), ansonsten aber keine Krankheitssymptome wie z.B. Fieber aufweist. Ernstzunehmende Hinweise, die auf eine Ausbreitung der Infektion in Richtung Niere hindeuten, sind hingegen hohes Fieber, blutiger Urin (Hämaturie) und starke Schmerzen im Bereich der Nieren. Treten die Symptome einer Blasenentzündung bei Risikogruppen auf (z.B. bei Männern, Schwangeren, Kindern oder Diabetikern), sollten diese rasch einen Arzt aufsuchen, um schwere Verläufe oder Folgeschäden auszuschließen.

Weitere Infos zum Thema:

Risiken und Gefahren für Harnwegsinfekte

  • weibliches Geschlecht
  • Unterkühlung („Kaltfuß-Zystitis“)
  • Blasenkatheter
  • Alter/Hormonmangel
  • Harnsteine
  • Diabetes mellitus
  • Stuhlinkontinenz
  • Gebrauch von Diaphragmen und Spermaziden
  • Abtöten der Scheidenflora infolge Antibiotikatherapie
  • Immobilisierte und Rollstuhlfahrer

Symptome, die bei Erkrankungen der Harnwege auftreten können und deren Bedeutung:

  • Algurie Schmerzen beim Wasserlassen
  • Anurie Harnausscheidung unter 100 ml/Tag
  • Bakteriurie mehr als 100 000 Keime/ml Harn
  • Dysurie erschwertes oder schmerzhaftes Wasserlassen
  • Enuresis unwillkürliches Einnässen
  • Hämaturie Blut im Harn
  • Inkontinenz unkontrollierbarer Harnabgang
  • Imperativer Harndrang Wasserlassen nicht unterdrückbar
  • Harnverhalt Trotz voller Blase kein willentliches Wasserlassen möglich
  • Nykturie gehäuftes nächtliches Wasserlassen
  • Oligurie  Harnausscheidung unter 500 ml/Tag
  • Pollakisurie häufiges Wasserlassen von geringen Harnmengen
  • Polyurie Harnausscheidung über 2000 ml/Tag
  • Restharn Harnrest in der Blase nach dem Wasserlassen
  • Strangurie schmerzhafter Harndrang bei stark eingeschränktem                 Wasserlassen (Harnzwang)
  • Urge-Inkontinenz starker und plötzlich einsetzender Harndrang

Quellen:

  1. Naber KG.: New aspects on diagnostics and therapy of uncomplicated cystitis. Urologe A., 53(10): 1489-94 (2014)
  2. Tran H. et al.: Nasturtium (Indian cress, Tropaeolum majus nanum) dually blocks the COX an LOX pathway in primary human immune cells. Phytomedicine 23: 611-620 (2016)
  3. Marton M.R. et al.: Determination of bioactive, free isothiocyanates from a glucosinolate-containing phytotherapeutic agent: A pilot study with in vitro models and human intervention. Fitoterapia (2013)
  4. Dey M. et al.: In-vitro and in-vivo anti-Inflammatory activity of a seed preparation containing phenethylisothiocyanate. Journal of pharmacology and experimental therapeutics (2006)
  5. Lee ML. et al.: Benzyl isothiocyanate exhibits anti-inflammatory effects in murine macrophages and in mouse skin. J Mol Med (2009)
  6. Tsai J. et al.: Suppression of inflammatory mediators by cruciferous vegetable-derives indole-3-carbinole and phenylethylisothiocyanate in lipopolysaccharide-activated macrophages. Mediators of Inflammation (2010)
  7. Herz C. et al.: Evaluation of an Aqueous Extract from Horseradish Root (Armoracia rusticana Radix) against Lipopolysaccharide-Induced Cellular Inflammation Reaction. Evidence-Based Complementary and Alternative Medicine 2017 (2017).