Alternative pflanzliche Arzneimittel: Wann ist die Selbstmedikation sinnvoll und wo sind ihre Grenzen?

Ernst-Albert Meyer, Fachapotheker für Offizin-Pharmazie und Medizin-Journalist, Hessisch Oldendorf

Interview mit Ernst-Albert Meyer, Fachapotheker für Offizin-Pharmazie und Medizin-Journalist, Hessisch Oldendorf.

Welche Apotheken-Kunden fragen gezielt nach pflanzlichen Arzneimitteln?

Deutschland besitzt den größten Markt mit pflanzlichen Arzneimitteln (Phytopharmaka) in Europa, d.h. in keinem anderen europäischen Land sind Phytopharmaka so beliebt wie in Deutschland. Rund 70 Prozent der Deutschen haben eine hohe Meinung von pflanzlichen Arzneimitteln und wenden diese auch in der Selbstmedikation an. In der Apotheke fragen vor allem Verbraucher nach Phytopharmaka, bei denen die Naturmedizin in der Familie eine lange Tradition aufweist. Hinzu kommen Verbraucher, die mit den Behandlungsergebnissen der chemisch-synthetischen Arzneimittel nicht zufrieden sind oder die unter den oft belastenden Nebenwirkungen dieser Arzneimittel leiden. Ein Beispiel: Öfters suchen Frauen mit wiederholt auftretenden Blasenentzündungen die Apotheke auf und erkundigen sich nach pflanzlichen Alternativen. Denn die mehrmals verschriebenen Antibiotika wirken nicht ausreichend und unangenehme Nebenwirkungen belasten Magen und Darm. Insgesamt sind es mehr Frauen als Männer, die pflanzliche Arzneimittel in der Apotheke kaufen. Denn die Frau ist auch heute noch der „Hausarzt“ in der Familie. Berichte über gesundheitsschädigende Zwischenfälle mit chemisch-synthetischen Arzneimitteln tragen ebenfalls dazu bei, dass Verbraucher sich verstärkt der Naturmedizin zuwenden und in der Apotheke Rat und Hilfe suchen. In allen diesen Fällen ist die Beratung vom Fachmann – Apotheker oder PTA – wichtig. Außerdem sollten Verbraucher immer aufmerksam die Gebrauchsinformation der pflanzlichen Präparate lesen, da hier wichtige Informationen enthalten sind. Die in der Apotheke erhältlichen Phytopharmaka besitzen in der Regel eine bessere Verträglichkeit, d.h. bedeutend weniger Nebenwirkungen als die chemisch-synthetischen Arzneimittel.

Sind zum Beispiel Harnwegsinfekte klassische Erkrankungen, bei denen pflanzliche Arzneimittel effektiv sind?

Neben Harnwegsinfekten sind es leichte bis mittelschwere Erkrankungen und Befindlichkeitsstörungen wie z.B. Erkältungskrankheiten, nervöse Unruhezustände, Schlafstörungen, Reizmagen-Reizdarm-Syndrom, Wechseljahres- und Venenbeschwerden, bei denen pflanzliche Präparate effektiv helfen können. Phytotherapeutika gibt es z.B. als Tropfen, Kapseln oder Tabletten. Sie bestehen meist aus einem Gemisch unterschiedlicher pflanzlicher Wirkstoffe, die in den Präparaten in konzentrierter Form vorliegen. Diese Phytopharmaka können gleich mehrere Krankheitssymptome umfassend lindern, indem sie an verschiedenen Stellen im Krankheitsgeschehen angreifen. Diese Effekte nennt man Multi-Target-Prinzip. Ein gutes Beispiel dafür ist die Kapuzinerkresse, eine bei Harnwegsinfekten bewährte Heilpflanze. Ihr Hauptwirkstoff ist das Benzylsenföl, das antibakterielle, antivirale sowie pilzhemmende Eigenschaften besitzt. Aktuelle Studien belegen zudem, dass das Benzylsenföl sowie weitere in der Kapuzinerkresse enthaltene Wirkstoffe antientzündliche Eigenschaften besitzen.1,2 Diese Eigenschaften ergänzen sich ideal bei den meist bakteriell verursachten Blasenentzündungen, d.h. das Benzylsenföl bekämpft wirksam die Krankheitserreger und lindert zudem den Entzündungsprozess in der Blase. Damit wird bei einem unkomplizierten Verlauf der Harnwegsinfektion eine Antibiotika-Anwendung mit ihren Nebenwirkungen (Übelkeit, Magenschmerzen, Durchfall u.a.) meist überflüssig. Auch bei wiederholt auftretenden (rezidivierenden) Blasenentzündungen ist die Kapuzinerkresse eine gute Empfehlung!

Gibt es auch wirksame pflanzliche Hilfe bei den häufigen Erkältungskrankheiten?

Leider werden Antibiotika heute noch zu häufig und zu unkritisch eingesetzt, so dass sie bei vielen Infektionskrankheiten nicht mehr wirken. Eine bedrohliche Entwicklung, die als Resistenz bezeichnet wird. Bei Erkältungskrankheiten (Bronchitis mit Husten und Auswurf) werden immer wieder Antibiotika verordnet, obwohl bekannt ist, dass Antibiotika hier nicht helfen. Denn Erkältungskrankheiten werden zu 90 Prozent durch Viren verursacht, Antibiotika wirken aber bekanntermaßen nur gegen Bakterien. Bei diesen Infekten der Atemwege hat sich – wie Studien bei Erwachsenen und Kindern belegen – ebenfalls die Kapuzinerkresse bewährt. Bei der Anwendung dieser Heilpflanze gelangen die Wirkstoffe aus der Pflanze auch in die Atemwege. Mit seinen antiviralen und antientzündlichen Eigenschaften sorgen sie dafür, dass die Infektion abklingt und die Erkältungssymptome gelindert werden. Aufgrund der vielfältigen Wirkmechanismen der Pflanzenstoffe ist eine Resistenzentwicklung der Bakterien gegen die Senföle nicht zu erwarten und wurde bisher auch nach Langzeitanwendung nicht beobachtet. Zusammenfassend kann gesagt werden, dass die arzneilich wirksamen Inhaltsstoffe aus der Kapuzinerkresse nicht nur die Symptome sondern auch die Ursachen der Infektionen wirkungsvoll bekämpft!

Wann sollte der Apotheker generell von einer Selbstmedikation – auch mit Phytopharmaka – abraten und Verbraucher zum Arzt schicken?

Immer dann, wenn ...
... die Krankheitssymptome sehr ungewöhnlich, sehr heftig oder bedrohlich sind.
... Fieber auftritt.
... bei einer Erkältung gelbgrüner, eitriger Auswurf (bakterielle Infektion?) auftritt.
... die Beschwerden sich in den ersten Tagen der Selbstmedikation nicht bessern oder sogar verschlechtern.
... Blut im Stuhl oder Urin zu sehen ist.
...Beschwerden im Bereich der Augen auftreten.
...der Verbraucher sich bei der Selbstbehandlung unsicher fühlt oder sich sein Allgemeinbefinden verschlechtert.

Was sollte bei der Auswahl pflanzlicher Präparate beachtet werden?

Bei den in der Apotheke erhältlichen Phytopharmaka kann der Verbraucher davon ausgehen, dass diese pflanzlichen Präparate eine Zulassung als Arzneimittel besitzen, d.h. ihre Wirksamkeit und Verträglichkeit wurde nachgewiesen. Apotheken, Drogerie-Märkte und Kaufhallen bieten ein großes Angebot an Nahrungsergänzungsmitteln. Diese sind aber nicht zur Behandlung von gesundheitlichen Beschwerden und Erkrankungen geeignet, da sie lediglich zur Ergänzung der täglichen Nahrung vorgesehen sind.

1. Tran, H.T.T. et al.: Phytomedicine 23: 611-620 (2016)
2. Herz, C. et al.: J Funct Foods. 2016;23: 135-43

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