Blasenentzündungen: Wege jenseits der reflexartigen Verordnung von Antibiotika

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Blasenentzündungen belasten. Besonders Frauen. Das liegt an der weiblichen Anatomie. 50-70 % aller Frauen erleiden mindestens einmal im Leben eine akute Blasenentzündung1. So verdächtig die klinischen Symptome sind, so schwer tun sich manchmal selbst Fachleute mit einer korrekten Diagnose. Grund: Werden  Harnproben von Patienten auf  Mikroorganismen hin untersucht – was zu befürworten ist –, so erhält man sehr häufig positive Befunde,  also beispielsweise Nachweise von Bakterien. Nun ist es ärztliche Kunst, die sogenannte „asymptomatischeBakteriurie “, d.h. einen harmlosen Nachweis von diesen Mikroorganismen im Harn, von klinisch bedeutsamen Bakterienfunden, also Krankheiten verursachenden Erregern,  zu trennen. Wer davon nicht viel versteht, kommt leicht zu dem voreiligen Kurzschluss, man müsse Antibiotika verordnen. Dass  eine übermäßige Gabe an Antibiotika zu Resistenzen führt ist bekannt, doch Antibiotika stellen auch einen wesentlichen Störfaktor für die  individuelle Bakterienflora dar, die normalerweise eine individuell relativ konstante Zusammensetzung hat.

Antibiotika beeinflussen die Gesamtheit aller Mikroorganismen im Körper

Die Forschung bleibt bekanntermaßen nicht stehen. Jahrzehntelang stiefmütterlich behandelt, erfährt die Erforschung von Mikroorganismen – Gesellschaften in natürlichen Lebensräumen, dazu gehören auch Mensch und Tier – in den letzten Jahren eine echte Blüte. Man nennt dieses neue Wissenschaftsfach „Mikrobiom-Forschung“.  Das menschliche Mikrobiom ist die Gesamtheit aller Mikroorganismen, die den Menschen besiedeln. Dass der Darm über und über mit Bakterien und Co. besiedelt ist, hat sich mittlerweile herumgesprochen. Über das Mikrobiom der Blase war bisher wenig bekannt.

Nun konnten Forscher zeigen:

  1. Entgegen früherer Annahmen ist die menschliche Blase nicht steril.
  2. Es gibt Hinweise dafür, dass die Mikroorganismen, welche die Blasenschleimhaut besiedeln, einen wichtigen Schutzmechanimus gegenüber Infektionen darstellen. Das gilt für Bakterienstämme wie z. B. für Enterococcus faecalis und sogar für bestimmte Stämme von Escherichia coli2,3,4.

Das würde auch erklären, weshalb manche antibiotische Behandlung eine vermeintliche Blasenentzündung nicht heilt, sondern „verschlimmbessert“, weil nämlich bakterielle Nützlinge hinweggefegt werden3. Bereits eine kurzzeitige Antibiotikatherapie kann das empfindliche Gleichgewicht an Mikroorganismen so aus dem Lot bringen oder Wachstumsschübe gefährlicher Keime auslösen.

Immunantwort bei Harnwegsinfekten stärken

Prof. Dr. Dr. André Gessner, Direktor des Instituts für Klinische Mikrobiologie und Hygiene am Universitätsklinikum Regensburg, untersuchte mit seinem Team die größte Gemeinschaft von Mikroorganismen im Körper: die Darmflora5. Dazu erhielten Mäuse entweder die typischerweise bei Harnwegsinfekten verordneten Antibiotika Fosfomycin oder Nitrofurantoin im Vergleich zu einem pflanzlichen Präparat. Resultat: Die Antibiotika veränderten teilweise bereits nach einer Gabe das Mikrobiom erheblich, nicht so das pflanzliche Präparat. Manche Bakterienfamilien waren nach einer Antibiotika-Behandlung sogar vollkommen verschwunden. Prof. Gessner rät dazu, in der Erstversorgung unkomplizierter Harnwegsinfektionen zunächst auf Antibiotika zu verzichten. Sein Credo: „Es ist besser, die Immunantwort des Wirts zu stärken als die Bakterien zu zerstören.“ 5

Das ist schon lange bekannt, aber leider aus dem therapeutischen Schatz vieler Behandler verschwunden: Es gibt pflanzliche Alternativen, die das Mikrobiom allgemein nicht oder nur unwesentlich beeinflussen. So zeigen verschiedene klinische Studien, dass insbesondere pflanzliche Senföle wie z. B. in Kapuzinerkresse einen therapeutisch wirksamen Spiegel in der Blase, dem Ort des Geschehens, aufbauen und auf diese Weise Blaseninfektionen vorbeugen bzw. diese günstig beeinflussen können6,7,8,9.

Prof. Gessner in einem Interview: „Es sollte zumindest stets in Erwägung gezogen werden, ob man auf Antibiotika verzichten kann“4. Dem ist nichts hinzuzufügen.

Literatur

1http://www.uniklinikum-saarland.de/fileadmin/UKS/Aktuelles/Zeitschrift_UKS_Report/Medizinlexikon/Meizinlexikon_ab_2005/Blasenentzuendung.pdf, abgerufen am 22.07.2016

2CAI  T, MAZZOLI S, MONDAINI N, MEACCI F, NESI G, D’ELIA C, MALOSSINI G, BARTOLETTI  R (2012): The role of asymptomatic bacteriuria in young women with recurrent urinary tract infections: to treat or not to treat? Clin Infect Dis. 55(6):771-7. doi: 10.1093/cid/cis534. Epub 2012 Jun 7.

3CAI  T, MAZZOLI  S, LANZAFAME  P, CAGIAGLI  P, MALOSSINI G, NESI G, WAGENLEHNER  FM, KÖVES  B, PICKARD  R, GRABE  M, BJERKLUND  JOHANSEN  TE, BARTOLETTI  R (2016): Asymptomatic Bacteriuria in Clinical Urological Practice: Preoperative Control of Bacteriuria and Management of Recurrent UTI. Pathogens. 2016 Jan 5;5(1). pii: E4. doi: 10.3390/pathogens5010004.

4DOBRINDT  U, WULLT  B, SVANBORG  C (2016): Asymtomatic Bacteriuria as a Model to Study the Coevolution of Hosts and Bacteria. Pathogens. 15; 5(1). pii: E21. doi: 10.3390/pathogens5010021.

5UTZT M (2016): Die Darmflora bei urologischen Krankheitsbildern. Wie Therapeutika das Mikrobiom verändern. URO-NEWS; 20 (25), 12-14

6GOOS  K, ALBRECHT  U, SCHNEIDER  B (2006): Wirksamkeit und Verträglichkeit eines pflanzlichen Arzneimittels mit Kapuzinerkressenkraut und Meerrettich bei akuter Sinusitis, akuter Bronchitis und akuter Blasenentzündung im Vergleich zu anderen Therapien unter den Bedingungen der täglichen Praxis. Arzneim.-Forsch./Drug. Res. 56 (3), 249-257

7GOOS  K, ALBRECHT  U, SCHNEIDER  B (2007): Aktuelle Untersuchungen zur Wirksamkeit und Verträglichkeit eines pflanzlichen Arzneimittels mit Kapuzinerkressenkraut und Meerrettich bei akuter Sinusitis, akuter Bronchitis und akuter Blasenentzündung bei Kindern im Vergleich zu anderen Antibiotika. Arzneim.-Forsch./Drug. Res. 56 (4), 238-246

8HÄRINGER  E (2012): Natürlich gegen Bakterien: Pflanzliche Antibiotika bei Harnwegsinfektionen. EHK 61:193-198

9SCHULZ  V (2008): Erfolgreiche Prophylaxe rezidivierender Harnwegsinfekte. Kombination aus Kapuzinerkresse und Meerettichwurzel ist wirksam. Zeitschrift f. Phytotherapie 29, 130-131