Dafür sind sie zu wertvoll – Zweifelhafte antibiotische Anwendungen fernab von Infektionskrankheiten und interessante Alternativen bei Harnwegsinfektionen

Antibiotika bei Rückenschmerzen, bei Posttraumatischen Belastungsstörungen oder bei der Behandlung von Blinddarmentzündungen – liest man die Meldungen der letzten Monate*, beschleicht einen der Eindruck, dass die medizinische Praxis seltsame intellektuelle „Beifänge“ bereithält. Um auf letztgenannte Indikation einzugehen: Unbestritten ist eine akute Appendizitis (Blinddarmentzündung) in der Kinderarztpraxis ein klinisches Geschehen, welches konsequentes Handeln erfordert und es gibt an der medizinischen Ursache nicht viel auszulegen. Daher war die chirurgische Intervention immer Erste Wahl. „Aber wieso nicht einmal über den Tellerrand schauen?“, haben sich Wissenschaftler aus China gefragt. In einer Meta-Analyse verglichen die Forscher die alleinige Antibiotika-Gabe mit einer operativen Entfernung des Blinddarms 1. Resultat: In der Gruppe der Kinder, die nur das Antibiotikum erhielten, waren 9 von 10 Patienten mit unkomplizierter Appendizitis innerhalb von 48 Stunden symptomfrei, ebenso im Monat danach. ABER: Ca. 30 Prozent der Kinder mussten innerhalb eines Jahres dennoch chirurgisch behandelt werden, offensichtlich, weil die Causa noch fortbestand.

Doctor writing prescription 18percentgrey - Fotolia.com

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Kategorien: Harnwegsinfekte

Behandlung von Harnwegsinfekten: Nicht nur an die Bekämpfung der Erreger denken!

In den allermeisten Fällen ist der Erreger Escherichia coli, der aus der Darmflora in die Harnwege gelangen kann, Auslöser einer Blasenentzündung (Zystitis). Wesentlich seltener verursachen Bakterien wie Staphylococcus saprophyticus oder Klebsiellen Blasenentzündungen. Haben sich diese Erreger erst mal in den Schleimhäuten der ableitenden Harnwege – dazu zählen Harnleiter, Harnblase und Harnröhre – eingenistet, wird eine komplexe Entzündungsreaktion in Gang gesetzt.

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Kategorien: Entzündungen, Harnwegsinfekte, Infektionskrankheiten, Resistenzen

Blasenentzündungen: Wege jenseits der reflexartigen Verordnung von Antibiotika

Blasenentzündungen belasten. Besonders Frauen. Das liegt an der weiblichen Anatomie. 50-70 % aller Frauen erleiden mindestens einmal im Leben eine akute Blasenentzündung1. So verdächtig die klinischen Symptome sind, so schwer tun sich manchmal selbst Fachleute mit einer korrekten Diagnose. Grund: Werden  Harnproben von Patienten auf  Mikroorganismen hin untersucht – was zu befürworten ist –, so erhält man sehr häufig positive Befunde,  also beispielsweise Nachweise von Bakterien. Nun ist es ärztliche Kunst, die sogenannte „asymptomatischeBakteriurie “, d.h. einen harmlosen Nachweis von diesen Mikroorganismen im Harn, von klinisch bedeutsamen Bakterienfunden, also Krankheiten verursachenden Erregern,  zu trennen. Wer davon nicht viel versteht, kommt leicht zu dem voreiligen Kurzschluss, man müsse Antibiotika verordnen. Dass  eine übermäßige Gabe an Antibiotika zu Resistenzen führt ist bekannt, doch Antibiotika stellen auch einen wesentlichen Störfaktor für die  individuelle Bakterienflora dar, die normalerweise eine individuell relativ konstante Zusammensetzung hat.

Bacteries© frenta_Fotolia

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Kategorien: Forschung, Harnwegsinfekte

Alle reden von MRSA – doch auch andere Antibiotika-resistente Keime gewinnen zunehmend an Bedeutung

Wenn es um Keime geht, gegen die chemisch-synthetische Antibiotika nicht mehr wirksam sind, haben die meisten schon mal von MRSA (Methicillin-resistenter Staphylococcus aureus) gehört.  Diese Bakterien befinden sich zum Beispiel auf der Haut von MRSA-Trägern, ohne Erkrankungen auszulösen. Eine Infektion kann dann ausbrechen, wenn die MRSA-Erreger infolge eines geschwächten Abwehrsystems über Wunden oder durch Schleimhäute in den Körper gelangen.  Das ist häufig bei Patienten im Krankenhaus der Fall, weshalb MRSA auch häufig als „Krankenhauskeim“ bezeichnet wird. Da MRSA gegen wichtige Antibiotika unempfindlich (multiresistent) ist, kann eine Infektion einen schweren Verlauf nehmen. Zwar ist in den vergangenen Jahren ein Rückgang von MRSA-Infektionen zu verzeichnen, jedoch sind in Deutschland die MRSA-Keime immer noch dominant. Noch nicht ausreichend ins öffentliche Bewusstsein gerückt sind andere Erreger – zu nennen wären hier zum Beispiel VRE (Vancomycin-resistente Enterokokken).

Picking up bacterial colonies from agar plate © tilialucida - Fotolia.com

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Kategorien: Harnwegsinfekte, Infektionskrankheiten, Resistenzen

Virus oder Bakterien: Nur die richtige Diagnose ermöglicht eine rationale Therapie!

Auch im Frühjahr 2016 grassiert eine neuerliche Grippe- und Erkältungswelle in Deutschland. Nach vielen Beobachtungen waren die Erkrankungen trotz des vergleichsweise milden Wetters in vielen Regionen häufiger und klinisch ausgeprägter als in den Vorjahren. Bei hartnäckigen Erkältungen stellt sich in der Arztpraxis umso häufiger die Frage: Ist ein Antibiotika-Einsatz sinnvoll oder nutzlos, weil die zugrunde liegende Erkrankung ausschließlich durch Viren verursacht wird? Daten über einen neuen Bluttest wecken Hoffnung, dass bald eine schnelle Abklärung möglich wird, ob Viren oder Bakterien den Infekt verursachen.

Blood tests for viruses or bacteria © angellodeco - Fotolia.com

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Kategorien: Infektionskrankheiten, Resistenzen

Antibiotika-Resistenzen: Die WHO wacht langsam auf….

Über die Initiative der Weltgesundheitsorganisation (WHO) wurde in der Rubrik „Expertenmeinungen“ bereits berichtet (s. GRÖHES 10-Punkte-Programm) 1. In diesen Tagen startet nun eine erste globale Initiative der internationalen Gesundheitswächter.  Zuvor hatte die WHO eine breit angelegte Studie zum Antibiotika-Gebrauch in 133 Mitgliedsstaaten durchgeführt (2015)2. Als wesentliche Problemlagen werden benannt: eine mangelhafte Ausstattung bzw. zu wenig Budget der Referenzlabors, die teilweise Freiverkäuflichkeit von Antibiotika sowie mangelhaftes Wissen über chemisch- synthetische Antibiotika und Resistenzen bei medizinischem Fachpersonal, Laien inkl. Politik, Medien und Hochschulbereich.   

World map medicine© pogonici_ Fotolia

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Kategorien: Infektionskrankheiten, Resistenzen

Kampf gegen Antibiotika-Resistenzen fordert Aufklärung auf allen Ebenen

Beratung in der Apotheke zum sachgemäßen Umgang mit Antibiotika

Gegen Antibiotika resistente Bakterien, an denen auch in Deutschland jährlich bis zu 15.000 Menschen sterben, haben es auf die Agenda des vergangenen G-7-Gipfels in Elmau geschafft. Dies zeigt, dass die Eindämmung von Antibiotika-Resistenzen schon längst ein Thema mit globalem Handlungsbedarf ist. Der Einsatz von Antibiotika muss eingeschränkt werden, um auch zukünftig eine Wirksamkeit in der Human-  und Veterinärmedizin zu gewährleisten, so der gemeinsame Konsens beim G7-Gipfel im Juni 2015. Aber auch auf nationaler Ebene sagt die Bundesregierung den Superkeimen den Kampf an: Im Kabinett wurde Mitte Mai 2015 die „Deutsche Antibiotika-Resistenzstrategie“ (DART 2020) überarbeitet (die DART wurde bereits 2008 das erste Mal vorgelegt), in der unter anderem auch eine größere Sensibilisierung der Bevölkerung für die Resistenzproblematik gefordert wurde, um die Wirksamkeit von Antibiotika zu erhalten. Hierfür ist ein Zusammenspiel aller Verantwortlichen nötig. Nicht nur den verschreibenden Ärzten kommt bei der Patienten-Aufklärung zum sachgemäßen Umgang mit Antibiotika ein großer Stellenwert zu. Auch Apotheken sehen sich in der Beratungspflicht, denn diese haben  pro Jahr in etwa eine Milliarde Patientenkontakte.

In der Apotheke© Peter Atkins_Fotolia

 

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Kategorien: Resistenzen

10-Punkte-Plan zur Vermeidung von Antibiotika-Resistenzen: Bundesgesundheitsminister Gröhes Ankündigungen – kritisch gewürdigt…

Wenn heutzutage Minister und Ministerinnen zu bedeutsamen Problemen länger schweigen und danach Vorschläge zur Behebung vorlegen, so werden häufig bedeutungsschwangere 10-Punkte-Programme lanciert. Damit die Öffentlichkeit merke, dass man sich tatsächlich „mit großem Ernst“ einer wichtigen Sache annehmen wolle. So verbreitete der damalige Verbraucherschutzminister Seehofer schon bei den ersten großen Gammelfleisch-Vorkommnissen im Jahr 2006/2007 eine entsprechende Maßnahmenliste – von der jedoch nicht viel übrig blieb. Ähnlich war es bei seiner Nachfolgerin Ilse Aigner angesichts des Pferdefleischskandals 2012/2013 („Wer reitet so spät durch Nacht und Rind: es ist die Lasagne, diesmal ohne Rind“). Auch von dieser Liste wurde nicht viel abgearbeitet. Dabei waren die üblichen politischen Reflexe zu beobachten: Druck erzeugt Gegendruck, z.B. durch massive Gegenarbeit betroffener (Wirtschafts-) Kreise. Irgendwann ist die mediale Aufmerksamkeit dann ausgeritten – und das Problem in der öffentlichen Wahrnehmung wieder ein „Problemchen“.

Zeit fuer Reformen © bluedesign Fotolia.com

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Kategorien: Antibiotika in der Tierzucht, Gesundheitspolitik, Resistenzen

Antibiotika-Einsatz in der Humanmedizin: Fehlbehandlungen und wirkungsloser Einsatz sind an der Tagesordnung…

In letzter Zeit tobt in der Laienpresse wieder eine Debatte um die Frage, wer an der Misere der Resistenzentwicklung gegenüber konventionellen Antibiotika schuld sei. Als Leitmedium fungiert hierbei ein Organ der sog. Qualitätspresse, die renommierte ZEIT aus Hamburg – übrigens vom Autor dieser Zeilen seit Studienzeiten abonniert. Während einige Artikel der Serie gute Hintergrundinformationen zu Resistenzen aufzeigen, können andere Behauptungen, z. B. unter der Überschrift: „Die Rache aus dem Stall“, nicht unwidersprochen bleiben, denn die Ursache der Resistenzentwicklung kann sicher nicht nur an einer Stelle im System gesucht werden. Das zeigt auch die Vielzahl und Heftigkeit vieler Reaktionen, z. B. in den Kommentarseiten der Online-Ausgabe, darunter auch von Fachverbänden wie dem Verband der Agrarjournalisten (VDAJ) in einem offenen Brief an Chefredakteur Giovanni di Lorenzo. Der VDAJ nannte die o. a. Berichterstattung „reißerisch, einseitig recherchiert und ehrverletzend“.¹

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Kategorien: Infektionskrankheiten, Resistenzen

Antibiotika-Resistenzen: Welche Rolle spielen Kläranlagen von Kommunen und Kliniken?

Verfolgt man die Diskussion über die dramatische Zunahme von Resistenzen gegenüber chemisch-synthetischen Antibiotika, so mutet manche Äußerung an, als ginge es darum, den „Schwarzen Peter“ zwischen der Humanmedizin und der Landwirtschaft/Veterinärmedizin hin- und herzuschieben (siehe die durchaus einseitige Entschließung des 72. Bayerischen Ärztetages – s. hier). Dabei ist der Sachverhalt – wie so häufig – komplexer. Aktuell wird z. B. im jüngsten deutschen Arzneiverordnungsreport über eine erneute Zunahme des Antibiotika-Verbrauches berichtet2: Die Zahl der Verordnungen stieg gegenüber dem Vorjahreszeitraum um stolze 6,4%. Ob es zu einer Verbreitung von resistenten Keimen  über Kläranlagen kommt, ist aufgrund der stetig steigenden Antibiotika-Verordnungen eine berechtigte Frage…. 

 

Fluss im Wald© Irochka – Fotolia.com

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Kategorien: Allgemein, Resistenzen, Umwelt