Was tun bei Blasenentzündungen?

Dr. Julia Bäumer, Urologin, Hamburg

Interview mit Dr. Julia Bäumer, Urologin, Hamburg

Wie entstehen Blasenentzündungen?

Von einer Blasenentzündung oder Zystitis ist die Rede, wenn das Gewebe der Harnblase entzündet ist. Da häufig nicht nur die Blase alleine von einer Entzündung betroffen ist, sondern auch die Harnröhre, Harnleiter oder Nierenbecken sprechen Ärzte oft allgemein von einem Harnwegsinfekt (HWI). Die häufigste Ursache einer Blasenentzündung sind Bakterien – meist E. Coli (in 77% der Fälle) –, die über die Harnröhre in die Blase gelangen. Ist das Immunsystem geschwächt, verursachen die Keime schmerzhafte Entzündungen der Blasenwand. Als Folge tritt dann ständiger Harndrang auf, dazu kommen brennende Schmerzen beim Wasserlassen. Neben E.Coli-Bakterien können ebenfalls Staphylokokken, Streptokokken oder Klebsiellen, aber auch - in selteneren Fällen - Viren und chemische oder mechanische Reize zu einer Blasenentzündung führen.

Warum sind Betroffene meist weiblich?

Dass etwa jede dritte Frau einmal im Jahr einen Harnwegsinfekt hat und bis zu 20 % der Betroffenen wiederholt mit den schmerzhaften Infekten zu kämpfen haben, liegt vor allem an der weiblichen Anatomie: Die Harnröhre der Frau ist mit etwa 4 cm vergleichsweise kurz! Dadurch können die Bakterien leicht in die Blase aufsteigen. Zudem befindet sich der Ausgang der Harnröhre in unmittelbarer Nähe zum After. E.Coli-Bakterien, die natürlicherweise in der menschlichen Darmflora vorkommen, können somit durch falsche Hygiene nach dem Stuhlgang - das heißt dem Säubern von hinten nach vorne - leicht in den Ausgang der Harnröhre gelangen, die Harnröhre emporsteigen und schmerzhafte Entzündungen in der Blase auslösen. Neben weiteren begünstigenden Faktoren, wie zum Beispiel häufigem Geschlechtsverkehr, Stoffwechselerkrankungen wie Diabetes oder Blasenkathetern können auch bestimmte Verhütungsmittel Entzündungen in der weiblichen Blase auslösen: So stören beispielsweise Schaumzäpfchen und spermientötenden Salben in Kombination mit einem Diaphragma ebenso wie die Einnahme von Hormonpräparaten das Gleichgewicht der Scheidenflora. Werden Harnwegsinfekte als mögliche Nebenwirkung im Beipackzettel der Pille angegeben, lohnt sich eventuell ein Wechsel des Hormonpräparates.

Wie sollten Harnwegsinfekte behandelt werden?

Bei dieser bakteriellen Infektion ist es vor allem wichtig, die verursachenden Keime zu bekämpfen. Hierbei kommen - leider viel zu oft - auch bei unkompliziert verlaufenden Blasenentzündungen chemisch-synthetische Antibiotika zum Einsatz. Diese sollten aufgrund möglicher Nebenwirkungen, aber auch im Hinblick auf die zunehmende Resistenzproblematik nicht unnötig verordnet werden, um eine Wirksamkeit bei ernsten Infektionskrankheiten zu gewährleisten. Überdies weisen aktuelle Forschungserkenntnisse darauf hin, dass eine zielgerichtete Therapie nicht nur die verursachenden Bakterien bekämpfen, sondern gleichzeitig der Entzündungsreaktion entgegenwirken sollte, damit die Schmerzen und andere lästige Symptome rasch verschwinden.

Welche Behandlung empfehlen Sie im Hinblick auf diese Erkenntnisse?

Bei unkomplizierten Blasenentzündungen helfen pflanzliche Arzneimittel, die sowohl die Bakterien hemmen als auch eine entzündungshemmende Wirkung haben. Eine solche duale Wirkung konnte für die Senföle aus Kapuzinerkresse und Meerrettich nachgewiesen werden: Diese Pflanzenstoffe weisen zum einen eine ausgeprägte keimhemmende Wirkung gegen klinisch relevante Erreger von Harnwegsinfektionen auf. Zum anderen liefern neuere Untersuchungsergebnisse der Uni Freiburg weitere Hinweise auf entzündungshemmende Eigenschaften der Senföle: Bereits mit der einmaligen Gabe von fünf Tabletten des pflanzlichen Medikaments aus Kapuzinerkresse und Meerrettich wurden Konzentrationen der Senföle im Urin erreicht, die zu statistisch signifikanten antientzündlichen Wirkungen führen könnten1. Die Konzentrationen, die hierbei erreicht wurden, entsprachen den antientzündlich wirksamen Wirkstoffmengen, die in mehreren internationalen Publikationen ermittelt wurden.

Was raten Sie Ihren Patienten/Innen die immer wieder wegen Blasenentzündungen in Ihre Praxis kommen?

Die Entzündungen kehren häufig zurück, wenn vorausgegangene Infekte nicht richtig oder nicht ausreichend behandelt wurden oder sich resistente Bakterien gebildet haben. Meiner Erfahrung nach lohnt sich ein Therapieversuch mit pflanzlichen Alternativen bei wiederkehrenden, unkompliziert verlaufenden Infektionen in den meisten Fällen. Durch den Einsatz von Senfölen kommen viele Patienten um ein Antibiotikum herum. Dies ist vor allem für Betroffene, die häufig unter Harnwegsinfekten leiden, relevant. Neben der keimhemmenden Wirkung sind für mich auch die in Untersuchungen bestätigten entzündungshemmenden Eigenschaften der Senföle in der Praxis relevant, denn durch diesen dualen Wirkansatz können die Symptome einer Blasenentzündung effektiv gelindert werden. Nach Ende der Behandlung ist es sinnvoll, den Urin auf mögliche Restbakterien zu untersuchen, um sicherzugehen, dass der Infekt ausreichend behandelt wurde. Außerdem sollte bei wiederkehrenden Harnwegsinfekten an den Geschlechtspartner als mögliche Keimquelle gedacht werden. Auch Ursachen wie Missbildungen der Harnröhre und Harnrückstau aufgrund von Blasenentleerungsstörungen sollten ausgeschlossen werden, da durch den zurückbleibenden Restharn die Infektionsgefahr steigt.

Bei welchen Patienten ist bei den ersten Symptomen einer Blasenentzündung besondere Vorsicht geboten?

Bestimmte Risikogruppen sollten bei ersten Anzeichen einer Blasenentzündung das Beschwerdebild auf alle Fälle vom Fachmann abklären lassen. Hierzu zählen unter anderem Schwangere, Patienten mit Stoffwechselstörungen (z.B. Diabetes), aber auch Patienten mit Blasenfunktionsstörungen. Auch Männer sollten zur Abklärung der Ursachen für eine Blasenentzündung einen Arzt aufsuchen. Zudem ist eine fundierte Diagnose wichtig, wenn ein scheinbar unkomplizierter Krankheitsverlauf doch mit Fieber oder Blut im Urin einhergeht.

1. Márton, M.-R. et al.: Determination of bioactive, free isothiocyanates from a glucosinolate-containing phytotherapeutic agent: A pilot study with in vitro models and human intervention. Fitoterapia 85: 25-34 (2013)

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