Resistenzen

Professor Dr. Uwe Frank

Interview mit Professor Dr. Uwe Frank, Mikrobiologe, Infektiologe und Hygieniker, Freiburg.

Professor Dr. Uwe Frank ist Mitarbeiter der Sektion Krankenhaushygiene am Institut für Umweltmedizin und Krankenhaushygiene des Universitätsklinikums Freiburg. Der Mikrobiologe, Hygieniker und Infektiologe hat das europaweite Projekt „BURDEN“ zur Ermittlung der Kosten geleitet, die im Zusammenhang mit der Antibiotikaresistenzproblematik stehen. Im Rahmen des Projekts wurde u.a. das Ausmaß der Antibiotikaresistenz in europäischen Krankenhäusern und Intensivstationen erfasst.

Die abnehmende Wirksamkeit von Antibiotika gegen bakterielle Infektionskrankheiten, die sogenannte Antibiotikaresistenz, ist eine ernste Bedrohung für die öffentliche Gesundheit! So lautet die aktuelle Bewertung der WHO in ihrem ersten „Global Report on Antibiotic Resistance“ von Anfang 2014. Antibiotika galten lange Zeit als „Wunderwaffe der modernen Medizin“ – inzwischen sind sie immer häufiger wirkungslos. Wo die Ursachen dieser dramatischen Entwicklung liegen und was jeder Einzelne im Kampf gegen Resistenzen leisten kann, erklärt der Facharzt für Hygiene und Umweltmedizin, Mikrobiologie, Virologie und Infektionsepidemiologie, Professor Dr. Uwe Frank, Freiburg.

Herr Professor Frank, in einem kürzlich veröffentlichten Bericht warnt die WHO vor der Gefahr zunehmender Antibiotikaresistenzen. Als Folge wird befürchtet, dass fast besiegt geglaubte Infektionskrankheiten wieder aufflammen und einen schwerwiegenden Verlauf nehmen können. Wie bedenklich ist die Situation in Deutschland?

Die Entdeckung des Penicillins 1928 kam einer Revolution in der Medizin gleich. Sie führte dazu, dass Antibiotika aus der modernen Arzneimitteltherapie heute nicht mehr wegzudenken und zu einem der wichtigsten Instrumente im Kampf gegen bakterielle Infektionskrankheiten geworden sind. Doch diese einstige „Wunderwaffe gegen Bakterien“ verliert mit Zunahme der Antibiotikaresistenzen weltweit an Wirksamkeit. Auch bei uns in Europa ist derzeit eine vermehrte Ausbreitung von multiresistenten Keimen, besonders in mediterranen Ländern wie Italien und Griechenland, zu beobachten. Zwar ist bei uns die Lage nicht so dramatisch wie in anderen Teilen der Welt, allerdings nimmt auch in Deutschland die Zahl an Infektionen, die nicht mehr mit den gängigen Antibiotika behandelbar sind, ständig zu.

Woran liegt es, dass diese resistenten Bakterien immer weiter auf dem Vormarsch sind?

Die Ursachen hierfür sind vielfältig. Eigentlich ist die Entstehung von Antibiotikaresistenzen ein natürlicher Vorgang, der v.a. durch Mutation der Bakterien-Gene hervorgerufen wird. Es gibt allerdings Faktoren, die diesen Prozess und damit das Auftreten und die Ausbreitung resistenter Bakterien beschleunigen. Zum einen spielt der unkritische Einsatz von Antibiotika eine bedeutende Rolle. Dies geschieht z.B. bei viral bedingten Infektionserkrankungen wie Schnupfen oder anderen Viruserkrankungen, bei denen Antibiotika überhaupt nicht wirksam sind, denn Antibiotika wirken bekanntermaßen nur gegen Bakterien. Als Negativbeispiel kann hier die Verschreibungspraxis bei Bronchitiden herangeführt werden: Obwohl mehr als 95% der Hustenerkrankungen durch Viren verursacht werden, geben Ärzte gegen solche banalen Erkältungsleiden hierzulande in etwa 50 bis 75% der Fälle Antibiotika. Auch der flächendeckende Einsatz von Antibiotika in der Tiermast hat ein alarmierendes Ausmaß erreicht und trägt zur Ausbreitung von Bakterienresistenzen bei.

Was sind die weiteren Gründe?

Ebenso mitverantwortlich ist eine falsche Dosierung oder ein nicht konsequenter Einsatz der Medikamente: Wird das Antibiotikum vorzeitig abgesetzt oder in einer zu geringen Dosierung verabreicht, sinkt der Spiegel des Antibiotikums im Körper, noch vorhandene Infektionserreger werden aber nicht komplett abgetötet. Diese können Strategien zum Überleben und damit Resistenzen entwickeln. Bei der Vermehrung durch Teilung geben die Bakterien das auf diese Weise erworbene Resistenzgen vertikal an die nächste Bakteriengeneration weiter. Bei einer erneuten Erkrankung ist das Antibiotikum dann nicht mehr wirksam. Weiterhin werden gehäuft Resistenzen dort festgestellt, wo zwar gezielt und richtig, aber sehr häufig Antibiotika eingesetzt werden. Ein Beispiel hierfür sind Intensivstationen in Krankenhäusern. Das Problematische daran ist, dass eine Vielzahl der Patienten ein geschwächtes Immunsystem hat und die resistenten Krankenhauskeime daher besonders gefährlich sind.

Warum ist die Situation in Europa so unterschiedlich?

Im Süden Europas sind Antibiotikaresistenzen wesentlich weiter verbreitet als in Skandinavien und den Niederlanden. Ein wichtiger Grund dafür ist der unterschiedliche Antibiotikaverbrauch. Im Süden Europas, z.B. in Italien und Griechenland, werden weitaus mehr Antibiotika genommen, dadurch ist auch das Vorkommen von Antibiotikaresistenzen höher. Länder wie die Niederlande, die auch ein niedriges Resistenzvorkommen haben, führen zudem konsequente Kontrollen durch. Ein neuer Patient wird auf resistente Bakterien getestet und zunächst isoliert, bis ein negativer Befund vorliegt.

Im Zusammenhang mit Krankenhauskeimen ist häufig von MRSA zu lesen. Was ist das besondere an diesem Keim?

Bei gesunden Menschen ist Staphylococcus aureus bei ca. 30 % der Bevölkerung auf der Haut oder Schleimhaut nachweisbar und damit weit verbreitet. Gelangt der Keim in den Körper, kann er Infektionen wie Haut- und Wundinfektionen, aber auch Infektionen der Lunge oder von Operationswunden auslösen. Sind die Erreger gegen das Staphlokokken-Antibiotikum Methicillin resistent, werden sie als MRSA, „Methicillinresistente Staphylococcus aureus“ bezeichnet. Ein breiter Einsatz dieses Antibiotikums seit den 1960er Jahren führte zu einer zunehmend auftretenden resistenten Staphylokokkenart, die inzwischen nicht nur gegen Staphylokokken-Penicilline, sondern auch gegen weitere Antibiotika resistent ist. Dass MRSA umgangssprachlich als „Krankenhauskeim“ bezeichnet wird liegt daran, dass der Keim vor allem dort vorkommt. Außerhalb der Krankenhäuser sind in Deutschland lediglich ca. 1,5 % der Menschen mit MRSA besiedelt.

Breiten sich MRSA weiter aus?

Die Situation in Europa ist unterschiedlich. In Deutschland, aber auch in Großbritannien oder Frankreich ist inzwischen eine leichte Abnahme von MRSA Zahlen zu sehen. In Italien oder Griechenland ist zumindest eine weitere Zunahme nicht zu beobachten.

Immer wieder ist die Rede davon, dass harmlose Infektionskrankheiten durch resistente Bakterien problematisch verlaufen können. Können Sie ein Beispiel nennen?

Ein Beispiel hierfür sind Harnwegsinfektionen. Diese werden oft durch Escherichia coli, besser bekannt als E. coli, ausgelöst. E. coli gehört zu den bei allen Menschen am häufigsten vorkommenden Bakterienarten im Darm. In den letzten Jahren wurden zunehmend häufig Infektionen der Harnwege mit E. coli beobachtet, die gegen viele Antibiotika gleichzeitig resistent waren, darunter sogar Cephlosporin-Antibiotika der dritten Generation. Diese sogenannten multiresistenten Keime, die in jüngster Zeit leider immer häufiger auftreten, sind im Laufe der Zeit gegen verschiedene Antibiotika unempfindlich geworden.

Wenn vorhandene Antibiotika immer häufiger wirkungslos werden ist es doch naheliegend, an neuen Substanzen zu forschen. Gibt es hier Hoffnungsträger?

Leider scheint dies nicht der Fall zu sein. Die Zahl an Antibiotika, die neu auf den Markt kommen, ist stark rückläufig: Waren es im Zeitraum von 1991-2000 noch 21 Präparate, wurden im Zeitraum von 2007 bis 2014 nur 2 neue Antibiotika zugelassen. Erschwerend kommt hinzu, dass nach Neueinführung von Antibiotika im Markt die ersten Resistenzen immer schneller auftreten.

Welche Lösungsansätze gibt es Ihres Erachtens nach im Kampf gegen die zunehmende Antibiotikaresistenz?

An erster Stelle ist der sorgsame Umgang mit Antibiotika zu nennen. Die Notwendigkeit einer Antibiotikatherapie sollte vom Verordner sorgfältig abgewogen werden. Wird ein Antibiotikum verschrieben, sollte dies gegen die vorhandenen Keime wirken. Ein Breitbandantibiotikum ist nur dann sinnvoll, wenn bei einer Krankheit verschiedene Erreger zu erwarten sind, die unterschiedlich auf Antibiotika reagieren oder als Erstverordnung, wenn der Arzt den genauen Erreger noch nicht kennt, aber handeln muss. Sogenannte Reserveantibiotika sind, wie der Name bereits andeutet, ausschließlich der Therapie schwerer, ernsthafter Erkrankungen vorbehalten, z.B. wenn die Bakterien Resistenzen gegen andere Antibiotika entwickelt haben. Sie sollten niemals unkritisch zur Therapie unkomplizierter Infektionskrankheiten, wie z.B. einfacher Blasenentzündungen, eingesetzt werden.

Um die Ausbreitung resistenter Keime zu vermindern, ist die Hygiene ein entscheidender Faktor, sei es in Krankenhäusern oder im Alltag. Das beginnt für jeden Einzelnen mit scheinbar simplen Hygienemaßnahmen wie Händewaschen und Hygiene im täglichen Umfeld, der Händedesinfektion im Krankenhaus und endet beim Screening möglicher Risikopatienten (z.B. früherer MRSA-Träger) bei Klinikeinweisungen.

Weiterhin ist es essenziell, bei einfachen Infektionen wie z.B. unkomplizierten Blasenentzündungen oder Atemwegsinfekten alternative effektive Behandlungsstrategien anzuwenden.

Welches sind denn effektive alternative Behandlungsansätze?

Auf der Suche nach Alternativen lohnt sich ein Blick in die Natur: Verschiedene Pflanzen produzieren im Überlebenskampf der Natur Stoffe, mit denen sie sich selbst wirkungsvoll gegen Bakterien, Viren und Pilze, aber auch Fressfeinde verteidigen. Zu diesen Stoffen zählen beispielsweise Senföle aus Kapuzinerkresse und Meerrettich. Die Senföle (Isothiocyanate) werden in der Naturmedizin bereits seit Jahrhunderten zur „pflanzlichen Infektabwehr“ bei Atemwegs- und Harnweginfekten eingesetzt und zählen inzwischen zu den am besten untersuchten arzneilich wirksamen Pflanzensubstanzen. Laboruntersuchungen an unserem Freiburger Institut bestätigen, dass Senfölgemische gegen zahlreiche Bakterienarten eine ausgeprägte keimhemmende Wirkung entfalten, sogar auch gegen Problemkeime wie MRSA und resistente E. Coli, ohne dass bislang eine Resistenzentwicklung beobachtet wurde. Das antimikrobielle Wirkprinzip senfölhaltiger Pflanzen wie Kapuzinerkresse und Meerrettich ist noch nicht eindeutig erforscht und derzeitig Gegenstand wissenschaftlicher Untersuchungen. Zusätzlich zur ausgeprägten Wirkung gegen Bakterien konnten auch antivirale Eigenschaften bestätigt werden. Damit können Senföle direkt gegen die krankheitsverursachenden Erreger von Atem- und Harnwegsinfekten wirken und diese in ihrem Wachstum hemmen. In einer aktuellen Studie aus Portugal konnte sogar ein doppelter Wirkmechanismus der Senföle nachgewiesen werden: Zum einen eine direkte, das Wachstum von Bakterien hemmenden Wirkung, zum anderen, und das ist die neue Erkenntnis, verhindern die Senföle die Ausbildung von bakteriellen Biofilmen. Mit solchen Biofilmen schützen sich Bakterien vor eindringenden Substanzen wie zum Beispiel Antibiotika. Die Senföle zerstören also quasi diese „Hürde“ und hemmen die Bakterien auf diese Weise in ihrem weiteren Wachstum.

Was wäre Ihr Wunsch für die Zukunft?

Die Uhr tickt: Die Sachlage ist so ernst, dass es nicht bei einem Wunschdenken bleiben darf. Es müssen alle Anstrengungen unternommen werden, um den Antibiotika-Einsatz auf das notwendige Maß zu reduzieren. Darüber hinaus muss auch die immer noch häufig unnötige und unkontrollierte Verordnung von chemisch-synthetischen Antibiotika in Arztpraxen und Kliniken gestoppt werden, um dem Resistenzproblem Herr werden zu können. Und wir sollten weiter unsere Suche nach alternativen Therapieoptionen verstärken, die bei einfachen unkomplizierten Infektionen eingesetzt werden können. Durch derartige Ansätze kann hoffentlich die Wirksamkeit der klassischen Antibiotika für die Behandlung schwerer Infektionserkrankungen erhalten werden.

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