Harnwegsinfekte: Ist möglichst viel trinken immer und für alle ratsam?

Dr. med. Dorothee Struck, Gynäkologin, Ärztin für Frauenheilkunde, Autorin & freie Dozentin, Kiel

Interview mit Dr. med. Dorothee Struck, Gynäkologin, Ärztin für Frauenheilkunde, Autorin & freie Dozentin, Kiel.

Frau Dr. Struck, eine kürzlich veröffentlichte Meldung zeigt, dass der Ratschlag zur vermehrten Flüssigkeitsaufnahme bei Infekten kaum bewiesen ist.1 Daher würden wir gerne von Ihnen wissen: Wie schätzen Sie die Empfehlung ein, bei milden Infektionskrankheiten, wie beispielsweise Harnwegsinfekten, möglichst viel zu trinken?

Der im erwähnten Artikel beschriebene Fall berichtet von einer Frau, die an einem Harnwegsinfekt litt und im Glauben, sich etwas Gutes zu tun, mehrere Liter Wasser zu sich nahm. Dadurch kam es zu einer Verschiebung ihres Elektrolythaushaltes im Blut (Hyponaträmie), die mit Zittern, Erbrechen und Sprachstörungen einherging. Nach einer Einschränkung der Trinkmenge auf einen Liter normalisierten sich die Elektrolytwerte und der Zustand der Patientin besserte sich rasch. Solche Fallbeschreibungen stellen sicherlich Einzel- bzw. Extremfälle dar, dennoch zeigen sie auch auf, dass die Empfehlungen zur Trinkmenge – sowohl bei Harnwegsinfekten wie auch bei Erkältungen – nicht getreu dem Motto „Viel hilft viel“ gehandhabt werden sollte. Wie sagte Paracelsus so klar: „Allein die Dosis macht, das ein Ding kein Gift sei!“

Woher rührt die allgemein verbreitete Empfehlung, bei vorhandenen Infekten möglichst viel zu trinken?

Zugrunde liegt hier die Annahme, dass durch die erhöhte Flüssigkeitsaufnehme die Urinproduktion bei Harnwegsinfekten bzw. die Sekretproduktion bei Atemwegsinfekten angestoßen wird und so Krankheitserreger ausgeschwemmt werden.

Ist diese Annahme denn wissenschaftlich nachvollziehbar?

Die Flüssigkeitsaufnahme bei Infekten muss differenziert betrachtet werden: Viel Trinken kann bei der Prävention, also der Vorbeugung von Harnwegsinfekten hilfreich sein, für die Therapie hingegen gibt es in der Tat keine wissenschaftlichen Nachweise. Im Gegenteil: Mittlerweile gibt es zahlreiche Forschungsarbeiten über das Verhalten von Bakterien, wenn diese einmal in der Blase sind. Vor allem E. Coli, Hauptauslöser von Blasenentzündungen, wird nicht mehr ausgewaschen, sobald das Bakterium sich einmal mit seinen „Tentakeln“ an der Blaseninnenwand angeheftet hat. Es wird auch vermutet, dass durch die Bakterienbesiedlung der Zellen, die die Blaseninnenwand auskleiden, häufig wiederkehrende Entzündungen hervorgerufen werden. Die Bakterien sind in den Zellen der Blaseninnenwand für chemisch-synthetische Antibiotika nicht mehr gut erreichbar, was wiederkehrende Entzündungen begünstigen könnte.

Welche Flüssigkeitsaufnahme empfehlen Sie Ihren Patienten somit bei vorhandenen Harnwegsinfekten?

Bei der Einnahme bestimmter Antibiotika (z.B. Fosfomycin) ist eine zu hohe Trinkmenge in jedem Fall kontraproduktiv und sorgt für Therapieversager, da das Antibiotikum in der Blase zu stark verdünnt und zu schnell ausgeschieden wird. Da dieser Verdünnungseffekt möglicherweise auch bei pflanzlichen, antibiotisch wirksamen Substanzen zum Tragen kommen könnte, empfehle ich bei vorhandenen Infekten immer eine Trinkmenge zwischen 1,5 bis 2,5 Liter, über den Tag verteilt, nicht mehr! Denn: Eine ausreichende, aber nicht überreichliche Trinkmenge ist bei vorhandenen Harnwegsinfekten wichtig zur Linderung der Beschwerden, da konzentrierter Harn die bereits entzündeten Blasenwände noch stärker reizt.

Wie sieht Ihrer Meinung nach die optimale Behandlung von Harnwegsinfekten zusammenfassend aus?

Bei Betroffenen, die kein erhöhtes Risiko für Komplikationen haben, lohnt sich bei unkomplizierten Krankheitsverläufen ein Therapieversuch mit pflanzlich wirksamen Substanzen, die zum einen antibakterielle, aber auch entzündungshemmende Eigenschaften haben. Somit können unerwünschte Antibiotikawirkungen wie z.B. Pilzinfektionen der Vagina umgangen werden. Hinsichtlich der Resistenzproblematik sollten Antibiotika wirklich nur bei schweren Verläufen, bei bestimmten Risikogruppen (z.B. bei schlecht eingestelltem Diabetes Mellitus oder während der Schwangerschaft) aber auch bei Klopfschmerz über einem oder beiden Nierenlagern zum Einsatz kommen. Zudem empfehle ich die bereits erörterte Flüssigkeitszufuhr sowie warme Bekleidung oder andere Formen der Wärmeanwendung und Beckenbodentraining, um die Durchblutung im kleinen Becken anzuregen, damit körpereigene Abwehrzellen auch an Ort und Stelle gelangen.

Vielen Dank, Frau Dr. Struck!

1) http://www.aerzteblatt.de/nachrichten/71840

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