Europäischer Antibiotikatag am 18. November 2016

Professor Dr. Uwe Frank

Interview mit Professor Dr. Uwe Frank, Mikrobiologe, Infektiologe und Hygieniker, Freiburg.

Herr Professor Frank, welches Ziel verfolgt die Europäische Initiative für mehr Gesundheit mit dem Europäischen Antibiotikatag?

Im Fokus des Europäischen Antibiotikatages steht die Aufklärung über einen verantwortungsvollen Umgang mit antimikrobiellen Chemotherapeutika (Antibiotika) und die Sensibilisierung für die Entstehung von Antibiotika-Resistenzen. Da die Verordnung von Antibiotika nach wie vor auf einem viel zu hohen Niveau ist und die Erwartungshaltung vieler Patienten an die heilende Wirkung einer Antibiotikatherapie ungebrochen ist, richtet sich die Initiative sowohl an Ärzte als auch an Patienten.

Das heißt also, dass die Problematik über Antibiotikaresistenzen als zunehmendes Problem bei der Bekämpfung von Infektionskrankheiten noch unzulänglich bekannt ist?

Das Allgemeinwissen über die Arzneimittelgruppe der Antibiotika ist nach wie vor in Europa einschließlich Deutschland gering – dies zeigt beispielsweise eine neue sogenannte Eurobarometer- Umfrage der Europäischen Kommission (2016). Demnach wissen nur 44% der Deutschen, dass Antibiotika gegenüber Viren unwirksam sind. Rund 45% glauben, Antibiotika wirken gegen Viren, 11% wissen es nicht. Mehr als ein Drittel (37%) der befragten Deutschen denkt irrtümlicherweise, dass Antibiotika wirksame Mittel gegen Viruserkrankungen wie Grippe und Erkältungen sind. Laut Umfrage unterscheiden sich die Deutschen in ihrem Wissensstand nicht wesentlich vom EU-Durchschnitt. So nennt das ECDC (European Centre for Disease Prevention and Control), Initiator des Europäischen Antibiotikatages, Zahlen, die ebenfalls das vorherrschende Unwissen über Antibiotika auf Europäischer Ebene unterstreichen: 1/6 aller Europäer weiß demnach nicht, dass der Missbrauch von Antibiotika diese weniger effektiv macht, einem Drittel ist unbekannt, dass Antibiotika Nebenwirkungen haben können und etwa jedem 2. Europäer ist nicht bewusst, dass Antibiotika bei Erkältungen unwirksam sind.

Wo liegt das Problem in der täglichen Verschreibungspraxis von antimikrobiellen Chemotherapeutika (Antibiotika)?

Antibiotika werden im ambulanten Bereich in den meisten Fällen auf Verdacht, also ohne Abklärung des Erregers, verordnet. So zeigt eine aktuelle Datenauswertung der BKK-Landesverbände, dass nur bei 3,6% der Patienten mit ambulant-erworbenen Infektionen vor der Antibiotika-Verschreibung ein Antibiogramm zur Abklärung des Erregers erstellt wurde. Dies bedeutet in Zahlen, dass in etwa 95% der Fälle Antibiotika verordnet werden, ohne vorab durch einen Abstrich deren Wirksamkeit zu klären. Am häufigsten erfolgt eine Untersuchung der Erreger in der Urologie – hier wurde der Test annähernd bei jedem vierten Fall veranlasst. Bei den Internisten kamen der Studie zufolge auf fast 119.000 Infektionsfälle lediglich 30 Antibiogramme und bei den Allgemeinmedizinern fanden die BKK-Prüfer sogar nur 15 unter mehr als 350.000 mit Antibiotika behandelten Infektionen.

Warum werden trotz der zunehmenden Resistenzproblematik so häufig Antibiotika auf Verdacht verschrieben?

Als Gründe für den weitgehenden Verzicht auf ein Antibiogramm wird in der BKK-Untersuchung zum einen die Erwartung einzelner Patienten an eine schnelle Antibiotikaverordnung – und damit eine vermeintlich schnelle Besserung der Symptomatik – genannt. Diese Erwartungshaltung besteht auch häufig bei viral bedingten Atemwegsinfekten, bei denen eine Antibiotikagabe nicht wirksam ist. Zum anderen sind die Gründe für eine rasche Antibiotikaverordnung bei den Verordnern zu finden: Keimidentifizierung und Antibiogramm bedeuten zusätzlichen Zeitaufwand, zum Beispiel für Urinproben, Bedenken wegen der Finanzierung der Untersuchung sowie das Vorliegen des Testergebnisses erst nach 48 Stunden.

Spielt auch die Befürchtung der Ärzte eine Rolle, eine mögliche Verschlimmerung des Krankheitsverlaufs in Kauf zu nehmen, wenn kein Antibiotikum verschrieben wird?

Dass neben den Erwartungen der Patienten mögliche Ängste der Ärzte vorhanden sind, durch einen Therapieverzicht Komplikationen zu riskieren, ist sicher ein möglicher Grund. Eine große Studie aus England zeigt jedoch, dass der Rückgang von Antibiotikaverordnungen gegen Atemwegsinfekte in Allgemeinarztpraxen nicht mit einer relevanten Zunahme von infektiösen Komplikationen verbunden ist. So zeigen die Ergebnisse, dass eine merkliche Reduktion der Verordnungshäufigkeit mit einer geringfügigen Zunahme von Pneumonien und Mandelabszessen einhergeht. Bei anderen schweren Komplikationen ist dagegen kein Zuwachs zu erwarten.

Der Europäische Antibiotika-Tag jährt sich am 18. November zum 9ten Mal. Gibt es einen bestimmten Grund, warum dieser Aufklärungstag ausgerechnet im November stattfindet?

Gegen Jahresende häufen sich virale Erkrankungen der oberen Atemwegsinfekte, die leider sehr häufig und fälschlich mit Antibiotika behandelt werden und somit die Resistenzproblematik verstärken. Das European Centre for Disease Prevention and Control (ECDC) will in dieser Zeit bewusst darauf aufmerksam machen, dass die Behandlung von viralen Infektionen der oberen Atemwege ohne Antibiotika erfolgen muss.

Gibt es weitere neue oder bewährte Lösungsansätze für eine Reduktion der Antibiotika-Verschreibungen?

Ein wichtiger Punkt ist die diagnostische Absicherung der Verschreibung von Antibiotika. Diese geschieht – wie bereits angedeutet – laut BKK-Erhebung nur in etwa 5% der Verordnungen. Häufig werden daher Antibiotika auf Verdacht gegeben, da eine Verschlimmerung des Krankheitsgeschehens ausgeschlossen werden soll. Wünschenswert wäre die Entwicklung eines Schnelltests, der zwischen bakteriellen und Virus-Infektionen der Atemwege unterscheiden kann. Damit könnte auch der häufige Einsatz von Antibiotika eingedämmt werden. Derzeit befindet sich ein neuer Bluttest in Entwicklung, der die Aktivierungsmuster bestimmter Gene analysiert. Dieser könnte binnen einer Stunde zuverlässig Antworten liefern, ob Viren oder Bakterien die Symptome verursachen. Ein solcher Test könnte effektiv dazu beitragen, unnötige Antibiotikaverordnungen zu reduzieren, da diese dann wirklich nur eingesetzt werden, wenn Bakterien die Krankheitssymptome verursachen. Wird laut Testergebnis ein Antibiotikum benötigt, bietet eine vom Robert-Koch eingerichtete Datenbank Verordnern einen Überblick über die Resistenzen und deren Entwicklung an. Unter Angabe des Erregers erhält der Arzt eine Auswahl an wirksamen Antibiotika. So kann vermieden werden, dass im ersten Behandlungsversuch Antibiotika verordnet werden, gegen die der Erreger bereits resistent ist.

Bis ein solcher Schnelltest zum Einsatz kommt kann sich bei virusbedingten Erkältungen oder grippalen Infekten, bei denen eine bakterielle Mitbeteiligung nicht ausgeschlossen werden kann, ein Therapieversuch mit pflanzlichen Alternativen lohnen. So weisen beispielsweise pflanzliche Senföle antibakterielle, antivirale und antientzündliche Eigenschaften auf und Resistenzentwicklungen sind aufgrund der Zusammensetzung der Senföle und deren Wirkweise nicht zu erwarten.

Resistente Keime sind vor allem im Krankenhaus ein Problem und nehmen immer mehr zu. Wie kommen multiresistente Keime überhaupt dort hin und was kann gegen deren Ausbreitung in Kliniken getan werden?

Träger, die mit multi-resistenten Erregern (MRE) kolonisiert sind, können ein Risiko etwa für abwehrgeschwächte Patienten in Kliniken sein. Der Frage, wo diese multiresistenten Keime in Kliniken herkommen, gingen aktuell Wissenschaftler von der Uniklinik Köln nach. Am Beispiel von Enterobakterien, die gegen Cephalosporine der 3. Generation resistent sind, fanden sie in einer großen europäischen Studie heraus, dass fast 10% der stationär aufgenommenen Patienten diese MRE bereits von zu Hause mitbringen. Um einzuschätzen, woher die MRE kommen, beantworteten die Patienten Fragen, deren Auswertung ergab, dass Patienten nach Antibiotka-Einnahme und nach Reisen außerhalb Europas gefährdeter sind, MRE-Träger zu sein. Daher schlussfolgern die Forscher berechtigterweise, dass zur Eindämmung der MRE folgende Maßnahmen getroffen werden sollten: (1) Bessere Hygienemaßnahmen in Kliniken und Praxen, (2) Rationaler Umgang mit Antibiotika inklusive Reduktion nicht gerechtfertigter Antibiotika-Gaben und (3) Verstärkte Schulungen für Ärzte

Was sind Ihrer Meinung nach die Hauptbotschaften, die Verordner, aber auch Patienten von der Aufklärungsarbeit anlässlich des Europäischen Antibiotikatages mitnehmen sollten?

Weniger hilft mehr! Je kritischer Antibiotika eingesetzt werden, desto wirksamer bleiben die hocheffektiven Arzneimittel für ernste und lebensbedrohliche Infektionskrankheiten. Bei banalen Infekten sollten pflanzliche Alternativen mit antiviraler und antibakterieller Wirkung in Betracht gezogen werden.

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