Antibiotika bei Harnwegsinfektionen
sinnvoll oder nicht?

Prof. Ruth Kirschner-Hermanns, Leitung der Neuro-Urologie, Neurologisches Rehabilitationszentrum Godeshoehe

Interview mit Prof. Ruth Kirschner-Hermanns, Leitung der Neuro-Urologie, Neurologisches Rehabilitationszentrum Godeshoehe

Jüngst wurden die Ergebnisse einer Untersuchung der Uni Göttingen veröffentlicht. 1) Diese zeigen, dass Antibiotika bei unkomplizierten Harnwegsinfektionen nicht zwingend nötig sind. 2/3 der Frauen, die nur Schmerzmittel erhielten, wurden auch ohne Antibiotika wieder gesund. Was halten Sie von den Ergebnissen?

Prinzipiell befürworte ich das Vorgehen, dass Antibiotika nur dann eingesetzt werden, wenn sie wirklich nötig sind. Bezüglich der Untersuchung ist anzumerken, dass bei über 30 Prozent der Patientinnen in der Schmerzmittel-Gruppe innerhalb von 28 Tagen ein Antibiotikum gegeben werden musste, da sich die Symptome nicht besserten bzw. sich verschlechterten. Eine alleinig symptomatische bzw. schmerzlindernde Therapie ist somit auch keine Patentlösung. Die Daten zeigen auch, dass Nierenbeckenentzündungen in der Untersuchungsgruppe die nur mit Schmerzmittel behandelt wurden häufiger auftraten. Allerdings war dieser Unterschied nicht statistisch signifikant und ist Gegenstand weiterer Forschung.

Was ist Ihrem Erachten nach ein idealer Behandlungsansatz bei unkompliziert verlaufenden Harnwegsinfektionen?

Den Verzicht auf ein Antibiotikum bei harmlos verlaufenden Infektionen, wie auch in einigen Leitlinien, z.B. der DGEM 2009, befürworte ich in vielen Fällen. Alle Ärzte müssen sich dem Fakt stellen, dass die wir immer mehr Infekte mit resistenten und multiresistenten Keimen sehen. Und wir erleben zunehmend schwer zu behandelnde Nebenwirkungen der Gabe von Antibiotika wie Pilzinfektionen (v.a. Vaginalmykosen) und Darmbeschwerden bis hin zu den gefürchteten lebensgefährdenden Darminfekten mit Enterokokken oder Clostridien.
In wie weit eine rein symptomatische Behandlung – wie hier gezeigt mit Schmerzmitteln – wirklich ausreichend ist, werden zukünftige Studien zeigen. Eine mögliche Alternative erscheint uns eine Kombination der symptomatischen und ursächlichen (kausalen) Behandlung zu sein. Hierfür stehen effektive antibakteriell wirkende pflanzliche Arzneimittel zur Verfügung, die direkt gegen die verursachenden Keime wirken, aber auch durch entzündungshemmende Effekte die Symptome lindern. Die Wirksamkeit einer solchen Therapie wird zur Zeit wissenschaftlich im Rehabilitationszentrum der Godeshöhe e.V. untersucht. Der große Vorteil ist, dass bei pflanzlichen Antiinfektiva bislang keine Resistenzen beobachtet wurden.

Gibt es Untersuchungen dazu, warum gegen pflanzliche Antiinfektiva keine Resistenzentwicklungen bei Bakterien zu erwarten sind?

Bei pflanzlichen Wirkstoffen wie den Senfölen handelt es sich um Substanzen mit vielfältigen antimikrobiellen Wirkmechanismen bzw. Angriffspunkten. Synergistische und synchron ablaufende Effekte verhindern bei solchen Vielstoffgemischen die Resistenzentwicklung bei Mikroorgansimen, wohingegen es sich bei chemisch-synthetischen Antibiotika um eine chemisch wirksame Substanz handelt, gegen die Bakterien wesentlich schneller und leichter eine Resistenz entwickeln können.

Zudem können gefährliche Keime spezifische Schleimschichten - sogenannte Biofilme - bilden, in die sie sich einbetten, um sich vor Antibiotika zu schützen. Die Bildung dieser Biofilme lässt sich durch die Unterbrechung des bakteriellen Kommunikationssystems Quorum sensing (QS) verhindern. QS wird von Bakterien genutzt, um Prozesse zwischen mehreren Zellen zu koordinieren. Wissenschaftler aus Portugal haben 2013 untersucht, wie verschiedene pflanzliche Inhaltsstoffe auf das QS-System wirken und dabei festgestellt, dass Senföle einen hemmenden Effekt auf das QS ausüben. 2)

Wie lässt sich häufig wiederkehrenden Blasenentzündungen am besten entgegenwirken?

Wir haben nach ersten Untersuchungen im Rahmen einer prospektiven Beobachtungsstudie die in dem neurologischen Rehabilitationszentrum der Godeshöhe durchgeführt wurde, Hinweise, dass die Gefahr für ein Rezidiv, also dem Wiederauftreten von Infektionen, sinkt, wenn nicht nur die Symptome, sondern auch die Ursachen bekämpft werden. Nach ersten Auswertungen zeigt sich, dass unter einer Behandlung mit chemisch-synthetischen Antibiotika häufiger bzw. schneller sich erneute Infekte zeigen als unter einer pflanzlichen und symptomatischen Behandlung mit Antiinfektiva. Eine mögliche Erklärung hierfür könnte sein, dass pflanzliche Wirkstoffe wie z. B. die Senföle nicht nur direkt gegen Bakterien wirken, sondern auch das Eindringen von E. coli-Bakterien in die Zellen der Blaseninnenwand reduzieren E-coli-Bakterien gehören zu den Hauptauslösern von Blasenentzündungen. Dringen Bakterien in die Epithelzellen der Blase ein, sind diese für eine antiinfektive Therapie nicht mehr erreichbar. Pflanzliche Antiinfektika können somit bei häufig wiederkehrenden Harnwegsinfektionen eine sinnvolle Therapieoption sein.

Einige Leitlinien empfehlen bei der Diagnose „Blasenentzündung“ sofort ein Antibiotikum zu verschreiben. Nun zeigen klinische Daten und Erfahrungen aus der Praxis, dass ein Antibiotikum nicht immer nötig ist. Auch Sie beschreiben, dass Sie mit pflanzlichen Arzneimitteln gute Erfahrungen gemacht haben. Müssen die Empfehlungen der Leitlinien-Kommission überdacht werden?

Ergebnisse wie die der eingangs beschriebenen Untersuchung der Uni Göttingen beeinflussen sicherlich die zukünftigen Therapieempfehlungen der entsprechenden Leitlinie zu unkomplizierten Harnwegsinfektionen, die gerade überarbeitet wird. Bei komplizierenden Patienten-Faktoren (z. B. bei Harnwegsinfektionen im Rahmen der Schwangerschaft, bei Diabetes-Patienten, wenn Fieber auftritt…) empfiehlt es sich immer einen Arzt aufzusuchen, der abwägen muss, ob der Einsatz von Antibiotika notwendig ist. Bei unkomplizierten Verläufen lohnt sich meines Erachtens auf alle Fälle ein Therapieversuch mit pflanzlichen Alternativen. Daher wäre es wünschenswert, wenn es mehr Studien zu naturheilkundliche Behandlungsansätzen gibt, die dann in die Empfehlungen der Leitlinien eingehen würden.

1) https://idw-online.de/de/news644031
2) Borges, A. et al.: Evaluation of the effects of selected phytochemicals on quorum sensing inhibition and in vitro cytotoxicity, Biofouling 30, No. 2; 183-195 (2014)

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